Präventionskonzepte im Bistum fehlen

Im Januar 2015 wies Bischof Heiner Koch alle Pfarreien im Bistum Dresden-Meißen an, ein Institutionelles Schutzkonzept (ISK)* zu erarbeiten. Sechs Jahre später – Ende Januar – betreiben 17 von 38 Pfarreien pastorale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen immer noch ohne ein solches Konzept.

Andere Pfarreien dagegen handelten intensiv, kreativ und könnten Vorbild für Vereine oder andere Kirchen sein. Sie analysierten in Teams ihre Arbeit und die Rahmenbedingungen, organisieren Kinderstarkmachtage, regelten Personalvorgaben und sensibilisierten Gemeinden und Umfeld. Borna war unter den ersten. Unter Pfarrer Dietrich Oettler wurde ein belastbares Konzept etabliert. Seit Mai 2016 gibt es ein ISK, und nach der Pfarreireform wurden die Konzepte angepasst. Außerhalb der Kirchen wurde mit Partnern zusammengearbeitet. Öffentliche Vorträge, Zusammenarbeit mit Frauenhäusern oder Kinderstarkmachtage halten das Thema präsent. Gut sieht es auch bei St. Elisabeth in Dresden-Zschachwitz aus. Hier gibt es ein Konzept und Vorträge mit der Kath. Akademie. Im Großraum Leipzig stehen bei fast allen Gemeinden die wichtigsten Informationen und Kontakte direkt auf den Homepages. Dort, wo Pfarrer und Laien Prävention priorisieren, gibt es gute Schutzkonzepte trotz Erkundungsprozess, Pfarreizusammenlegung und Corona.

Unterm Strich aber verstießen 17 Pfarreien gegen diözesanes Recht, indem sie die Weisung von Bischof Koch ignorierten. Diese wurde 2020 durch eine Rahmenordnung des Bischofs Heinrich Timmerevers erneuert. Der ist seit 2016 Bischof und hat sich zu Konsequenzen und zum Handeln verpflichtet.

Beim Ordinariat wurden bis Ende Januar von 21 Pfarreien ein Schutzkonzept zur Prüfung vorgelegt, weitere Konzepte sind angekündigt. Vorgelegt bedeutet nicht, dass die Anforderungen der Bistumsleitung erfüllt sind. Zehn ISK müssen noch geprüft werden, andere gelten als überarbeitungswürdig. Ein Konzept bestand aus vier Blättern samt Formular und Aushang. Bitter sieht es im Dekanat Bautzen in Ostsachsen aus. Nur die Pfarrei Bautzen hat ein Schutzkonzept. Von den neun Pfarreien konnten sechs sorbisch dominierte keinerlei Bemühungen vorweisen. Dabei gab es dort keine mühseligen Pfarreiumstrukturierungen, sagt Generalvikar Andreas Kutschke. Er ist seit 2013 Verwaltungsleiter der Diözese und verweist auf Informationsveranstaltungen, dringende Worte und Mahnungen an die Pfarrer und Dekane.

Künftig sollen Pfarreien ohne ISK weniger Zuschuss bekommen

Die heutige Einsicht der Bistumsleitung deckt sich mit persönlichen Rückmeldungen aus den Gemeinden. Die journalistische Nachfrage habe zum Jahresanfang etwas bewegt, Prävention stehe auf den Tagesordnungen. Doch Engagierte beklagen tradierte Kirchenbilder und werden als Nestbeschmutzer gesehen. Überlastete Ehrenamtler wissen nicht, was sie noch alles schaffen sollen. Einzelne Pfarrer wünschen sich Aufklärung zu alten Verbrechen. Sie sehen ihr Vertrauensverhältnis zu den Gemeindemitgliedern beschädigt, wenn nicht wie in den Bistümern Limburg oder Aachen eine externe Offenlegung der Vertuschungsmechanismen erfolge. Dafür fehlt aber der Mut, und das Image der Bistumsleitungen unter den Bischöfen Gerhard Schaffran (1970-1987) und Joachim Reinelt (1988-2012) könnte leiden.

Die Pfarreien verweisen auf eine personelle und organisatorische Überforderung.

Der seelsorgerische Erkundungsprozess – eine Art Leitbild- und Zielgruppenentwicklung – habe Klerus und Laien viel Kraft gezogen. Hinzu kamen monatelange Bearbeitungszeiten im Ordinariat. Dort war von 2014 bis Sommer 2019 der Justitiar auch Präventionsbeauftragter. In diesen Zeitraum wurden Schulungen angeboten und 2018 eine Handreichung für Pfarreien erstellt. 2019 steuerte das Bistum um und setzte eine Sozialpädagogin auf eine eigene Stelle.

Künftig sieht der Generalvikar ISK zuerst das Bistum in der Pflicht und Prävention solle in allen Pfarreien strukturell verankert werden und mit Leben erfüllt sein. Es sei nicht das Ziel, nur mit Druck eine formale Erfüllung der Anforderungen zu erreichen.

Ein Schutzkonzept benötige eine breit angelegte Beteiligung, Bewusstseinsbildung und Entwicklung einer Kultur von Achtsamkeit in der Pfarrei.

Fazit – von vorbildlich bis katastrophal

Wenn es einige Gemeinden und Pfarreileitungen bei gleicher Belastung durch Pfarrermangel, Mitgliederschwung und Corona schaffen, Wert auf Kinderschutz legen, ist es für Beobachter unverstehbar, wieso in einem guten Drittel der Gemeinden über sechs Jahre nichts passierte. Als Weisungsgeber und Fachaufsicht hinkt das Bistum hinterher und muss sich fragen lassen, warum das Thema so spät priorisiert wurde. Der Schwarzen Peter wechselt zwischen Pfarrei und Ordinariat. Es ist nicht neu, dass das katholische System schwerfällig ist und es bis in die Gemeinden hinein entgegenstehende Wertvorstellungen gibt. Pfarrer und Christen kann man sich nicht backen.

*(gemäß § 3 der Ordnung zur Prävention gegen sexuelle Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen für das Bistum Dresden-Meißen vom 01.01.2015)